Grundsätzliches zu MPH-Medikamenten

16.03.2014 17:02 (zuletzt bearbeitet: 19.01.2018 18:29)
#1
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Liebe Medi-Zweifler,

es gibt viele gute Gründe, eine ADHS-Therapie medikamentös zu unterstützen. Es gibt auch Gründe, einem Kind keine ADHS-Medikamente zu geben. Doch bevor man eine solche Entscheidung trifft, sollte man sich fragen, was man von den Medikamenten erwartet. Denn ...

... unsere Medis machen nicht intelligenter,
... sie machen keine besseren Schulnoten,
... sie stellen NICHT ruhig ...

... und NEIN, sie stellen auch dann nicht ruhig, wenn dies immer und immer wieder in den Medien behauptet wird, denn: MPH ist ein Stimulans!

Medikamente mit dem Wirkstoff Methylphenidat machen zunächst mal wach. Wer wach ist, zappelt nicht, kann sich konzentrieren, kann seine Emotionen und sein Sozialverhalten kontrollieren, kann sein eigenes Verhalten einschätzen ... und das alles mehr oder weniger gut. Nice to have, gewiss. Geben wir deswegen unseren Kindern Methylphenidat? Kann man das denn nicht auch mit ausreichend Schlaf, reizarmer Umgebung, gesunder Ernährung etc. erreichen? Die Frage ist durchaus berechtigt und einen Versuch ist es allemal wert. Und wie so oft sei auch an dieser Stelle wieder erwähnt, dass nicht alle Kinder mit ADHS Medikamente brauchen.

Ganz anders sieht es aber aus, wenn ein Kind aufgrund seiner ADHS eine Gefahr für sich und andere darstellt, wenn Geschwisterkinder zu sehr leiden, wenn bei Klassenarbeiten nicht wirklich was auf dem Blatt steht, obwohl das Kind das Thema eigentlich verstanden hat, und wenn es selbst für einen kompetenten Lehrer nahezu unmöglich ist, in der Klasse vernünftigen Unterricht zu machen ... und wenn das Kind darunter leidet. In solchen (und ähnlich gravierenden) Fällen sollte man über die Gabe von geeigneten Medikamenten nicht nur nachdenken, sondern sich schlau machen und handeln - sofortestens. Denn jeder weitere Tag ohne Medis ist ein weiterer schlimmer Tag für das betroffene Kind.

Für gewöhnlich liegen die Probleme irgendwo zwischen den obigen Beispielen. Es ist also in jedem Einzelfall sorgfältig abzuwägen, ob die Gabe von Medikamenten sinnvoll und notwendig ist; immer getreu der Faustregel: so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich.

Auch zu den Nebenwirkungen muss ich etwas loswerden: Es ist bekannt, dass Methylphenidat das Hungergefühl unterdrückt. Sobald die Wirkung nachgelassen hat, stellt sich der Hunger wieder ein. Es wird also kein Kind zu kurz kommen beim Essen, nur manchmal sind eben die Zeiten etwas gewöhnungsbedürftig. Wie sehr dies zum Tragen kommt, ist sowohl vom Kind als auch vom Medikament abhängig.

Alle anderen Nebenwirkungen - ob sie nun auf dem Beipackzettel stehen oder nicht - bespricht man am besten mit dem Arzt. Es gibt Nebenwirkungen, die verschwinden nach den ersten Wochen wieder - also noch ein bisschen beobachten. Bei Nebenwirkungen, die nicht freiwillig wieder verschwinden, muss man sich Gedanken über ein anderes Medikament machen.

Nebenwirkungen selbst sind nicht mehr und nicht weniger vorhanden, als sie das bei anderen Medikamenten auch sind. Werft doch bitte mal einen Blick in die Beipackzettel von Aspirin, Kontrazeptiva, Bluthochdruck-Medis, Hustensaft ... die nimmt man alle, wenn man sie braucht - und kümmert sich erst dann um Nebenwirkungen, wenn man welche hat. Was ich damit sagen will? Ganz einfach: Nebenwirkungen ganz allgemein stehen in keinerlei Zusammenhang damit, ob ein Medikament nun unter das BTMG fällt oder nicht (auch wenn das immer wieder vermutet oder gar behauptet wird).

Der Wirkstoff Methylphenidat (MPH) ist bei ADHS das Mittel der ersten Wahl. Erst wenn die Gabe von Methylphenidat nicht zielführend ist, sollte man sich Gedanken um eine Alternative machen. Das heißt, erst nachdem mehrere Medikamente mit MPH ausprobiert wurden. Denn diese wirken durchaus unterschiedlich. Detailliertere Infos zu MPH-Medis stehen im Kartoffelmüsli

Wirkstoffe (Handelsname des Medikaments), die bei ADHS als Mittel der zweiten Wahl eingesetzt werden, sind Atomoxetin (Strattera), Dexamfetaminhemisulfat (Attentin), Lisdexamfetamindimesilat (Elvanse), Guanfacin (Intuniv) und bei Erwachsenen mitunter auch Bupropion (Elontril).

Viele Grüße
Susanne

Des ADSlers liebstes Möbelstück ist die lange Bank (Jens Neumann)


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16.03.2014 19:06
avatar  FaVe
#2
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Liebe Susanne!

Vielen Dank für diese allgemeine und deutliche Klarstellung!!!!!

Grüße FaVe

Wahnsinn ist erblich,
.... man kann ihn von seinen Kindern bekommen

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17.03.2014 15:16
#3
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Wie immer kurz und knackig auf den Punkt gebracht!
Danke, liebe Susanne.

Vorschlag: Als Dauer-Frontbanner auf die Homepage

Gruß
Apollinaris


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04.12.2014 17:25
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#4
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( gelöscht )

Danke Susanne für deinen Beitrag.....es ist so erleichternd!!!


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27.02.2016 08:50
avatar  kriss
#5
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Ich muss mir wohl mehr Zeit nehmen, wenn ich hier bin .... sehr interessanter Beitrag, kannte ich noch nicht und ist wirklich sehr aufschlussreich, passt gerade....


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06.11.2016 18:20
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#6
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( gelöscht )

Hallo!Ich bin neu hier, aber alleine dieser Post war die Anmeldung wert.Danke für die deutlichen Worte.


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05.12.2016 14:08
#7
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Das Grundsätzliche kann nicht oft genug wiederholt werden.
Dankeschön @SusanneG

LG
Pippilotta

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14.03.2019 09:19
avatar  _E_V_A_
#8
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DANKE - Das trifft es wohl ziemlich auf den Punkt, auch wenn ich mich als (Igendwieimmernocheinwenig)Zweifler damit ziemlich angesprochen fühlen muss.


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